Latein – ein Fach ohne Zukunft?

Von Ann-Marie Schäppi, Carla Passardi & Louisa Kandt / Kantonsschule Limmattal / November 2025

 

Das Interesse an Latein nimmt in der Schweiz stetig ab: Immer weniger Schülerinnen und Schüler entscheiden sich für das altsprachliche Profil. Auch an der Kantonsschule Limmattal kämpfen Lehrpersonen und Schulleitungen um den Erhalt eines Fachs, das, laut ihnen, weit mehr leistet, als nur eine tote Sprache zu vermitteln. Dazu hat uns Melanie Kissling, Lateinlehrerin an der Kantonsschule Limmattal, mehr erzählt.

Die Statistik zeigt die gewählten Profile von 2023/24

Schon in einigen Kantonen zeigt sich das immer weiter sinkende Interesse für alte Sprachen. So ist die Zahl der Latein-Schülerinnen und -Schülern im Obergymnasium im Kanton Zürich in den letzten fünf Jahren um einen Drittel gesunken. Im Schuljahr 2023/24 haben sich nur noch vier Prozent aller Gymnasiastinnen und Gymnasiasten für das altsprachliche Profil entschieden. In den anderen Kantonen sieht es ähnlich aus: So wurde bereits 2019 in Luzern Latein aus dem Lehrplan für das Untergymnasium gestrichen, und in Bern entschied sich nur noch knapp ein Prozent der Schülerinnen und Schüler für den Lateinunterricht.

Latein verliert im Vergleich

Patrick Ehrismann, ehemaliger Rektor der Kantonsschule Uster, an welcher das altsprachliche Profil aufgrund mangelnder Anmeldungen letztes Jahr nicht angeboten werden konnte, zeigte sich im Interview dem SRF gegenüber bestürzt: «Das tut mir furchtbar leid». Seiner Meinung nach liegen die sinkenden Zahlen an der grossen Profil-Auswahl, da an seiner Schule zehn verschiedene Schwerpunktfächer angeboten werden. Dies kann auch von der Kantonsschule Schaffhausen bestätigt werden, welche nur drei Schwerpunktfächer anbietet, darunter auch Latein. Das Ergebnis: grössere Lateinklassen als in den anderen Kantonen.

Melanie Kissling, Lateinlehrerin an der Kantonsschule Limmattal, sagt auf Anfrage, dass sie ähnlicher Meinung sei, dies aber nicht als Hauptgrund für die fehlenden Anmeldungen für ihr Profil sehe. «Ich habe das Gefühl, dass unsere heutige Gesellschaft sehr stark in einem Zweckdenken drinsteckt. Die Schüler fragen sich zuerst, was bringt mir das, kann ich damit Geld verdienen, bevor sie sich für ein Profil entscheiden. Der Nutzen wird über alles andere gestellt. Da hat eine Sprache wie Latein oft keinen Platz mehr.»

Das Stigma des vermeintlich fehlenden Nutzens, das Latein anhaftet, ist unter anderem ein Resultat davon, dass Lateinkenntnisse nur noch für wenige Studiengänge wie Altertumswissenschaften oder Theologie vorausgesetzt werden, nicht mehr aber für Jura und Medizin. «Mir kommt es nicht so vor, als hätten die Schüler generell weniger Motivation oder kein Interesse an Latein. Im Untergymnasium machen sie gut mit und mir wird oft gemeldet, dass sich die Schüler schon für das altsprachliche Profil interessiert hätten, aber langfristig keinen Nutzen darin sähen», so Kissling.

Gründe dafür, Latein weiterhin im Lehrplan zu behalten, gibt es viele. Kissling betont hierbei besonders die Vielfalt der zu erwerbenden Fähigkeiten. «Für mich entscheidend ist die Kombination der Fertigkeiten, die man in einem einzigen Fach lernt. In keinem anderen Sprachfach wird das Analysieren von Sprachstruktur so intensiv trainiert wie im Latein. Diese hat man ins Deutsche übernommen, weshalb Latein auch dabei helfen kann, Deutsch zu lernen, wovon besonderes nicht-muttersprachliche Schüler profitieren.» Sie merkt auch an, dass man als Lateinschüler ständig dazu angehalten sei, komplexe Problemlösungsstrategien anzuwenden. Es reiche nicht, nur Grammatikwissen und einen Wortschatz zu haben, man müsse das gesammelte Wissen kombinieren. Somit trainiere Latein sehr stark das logische Denken. Würde Latein nicht mehr angeboten werden, ginge eine Möglichkeit, das logische und komplexe Denken zu üben, grösstenteils verloren.

Melanie Kissling, Lateinlehrerin an der Kantonsschule Limmattal / Foto: zvg

Ausserdem erwähnt Kissling auch, wie wichtig das Wissen über das kulturelle Erbe für unsere Gesellschaft ist, welches im Latein vermittelt wird. «Was verliert man, wenn niemand mehr in der Lage ist, antike Texte zu verstehen? Diese Texte sind sehr wichtig für die westliche Gesellschaft und haben uns stark geprägt. Besonders in unserer heutigen Welt ist es wichtiger denn je, in der Bildung einen Fokus auf Toleranz und kulturelle Offenheit zu legen. Latein macht genau das, indem den Schülern eine antike und teilweise auch durchaus fremde Kultur nähergebracht wird.»

Für das Erschliessen neuer Kulturen bringt Latein noch einen weiteren grossen Vorteil: Wer Latein spricht, hat es deutlich einfacher, andere Fremdsprachen wie beispielsweise Französisch, Spanisch und Italienisch zu erlernen. Alle romanischen Sprachen stammen von Latein ab, und so lassen sich viele ähnliche Wörter und Überschneidungen in der Grammatik finden.

Ein unsicherer Ausblick

Es gab schon einige Reformen, die Latein in den Hintergrund gedrängt haben, so auch die 2019 vom Bundesgericht bestätigte Reform, welche Wirtschaft, Recht und Informatik zu Grundlagenfächern machte. «Latein ist stark geschwächt aus diesen Änderungen im Bildungssystem hervorgegangen, hat bis jetzt aber immer noch überlebt. Ich hoffe sehr, dass wir auch in Zukunft darauf vertrauen können, dass es als Fach bestehen bleibt», sagt Kissling. Eine genaue Prognose, wie es mit dem Schulfach weitergeht, können jedoch weder Kissling noch die vom SRF befragten Bildungsexperten abgeben. Doch laut der Umfrage vom SRF hat keine angefragte Zürcher Mittelschule beschlossen, Latein ganz aus dem Lehrplan zu streichen.

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