Wenn die Alten entscheiden und die Jungen zusehen
Von Aurelia Wildhaber, Dorothea Ihme, Laura Herrmann & Serena Paradiso / Kantonsschule Limmattal / November 2025
Junge Menschen stimmen im Vergleich weniger ab. Wie es dazu kam, erklärt Experte Jonas Ineichen. Sowohl er als auch Passanten am Zürcher Bellevue schlagen vor, die politische Bildung in der Schule zu thematisieren.
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Dass die jüngere Generation weniger oft abstimmt, ist kein neues Phänomen. «Es war schon immer so», sagt auch Jonas Ineichen, der Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Zürich ist. Das Buch «Bürgerstaat und Staatsbürger – Milizpolitik zwischen Mythos und Moderne» sagt aus, dass in der Schweiz 2015 nur 35 % der 30-jährigen Stimmberechtigten abgestimmt haben, bei den 70-jährigen dagegen 70 %. In Zukunft könnte sich dies verstärken, da die Bevölkerung immer älter werde und somit immer mehr Ältere über das Leben der Jüngeren bestimmen würden. «Die Beteiligung junger Menschen in der Schweiz ist in den letzten Jahrzehnten gesunken», so Ineichen.
Gemäss ihm dürfte die Tatsache, dass jüngere Generationen das Wählen und Abstimmen weniger als Bürgerpflicht wahrnehmen als ältere Generationen, eine Erklärung für diesen Trend sein. «Vorhersagen sind schwierig», meint der Doktorand, vermutet wird aber, dass sich in Zukunft die Prozentzahl der jungen Abstimmenden nicht erhöhen wird, wenn man nichts ändert.
Zwischen Desinteresse und Überforderung
«Es ist uninteressant und meine einzelne Stimme verändert das Problem eh nicht», erklären zwei 18- jährige Passantinnen in Zürich beim Bellevue, welche selbst nicht wählen gehen. Auch seien die Unterlagen schwer zu verstehen und deshalb ziemlich zeitaufwendig, argumentiert eine andere Passantin. Ein junger Mann (18) meint, ausserdem fehle auch das spezifische Wissen, was zu Respekt vor falschen Entscheidungen führe. Trudy Hauser, eine 65-jährige Befragte, meint hingegen: «Die Jungen sind einfach nicht so interessiert und engagieren sich zu stark für anderes.» Auch Ineichen äussert sich zu dieser Problematik. Er ist der Meinung, dass sich Jugendliche wegen ihrer geringeren Lebenserfahrung oft weniger betroffen von Politik fühlen und deshalb weniger wählen und abstimmen gehen. Dazu sei man im jungen Alter noch nicht so routiniert, sich an der Politik zu beteiligen.
Die Stimmen der Jüngeren mehr zählen zu lassen, könnte ein möglicher Lösungsvorschlag für dieses Problem sein. Passanten in Zürich werden nach ihrer Meinung zu dieser Idee befragt. Wie sich zeigt, sind generationenübergreifend die meisten dagegen. Die Jüngeren hätten genau die gleichen Chancen abzustimmen und wenn diese nicht genutzt werden, seien sie selbst schuld, argumentieren mehrere Zürcher Passanten.
Lorena (22) meint dazu: «Ich sehe den Gedanken, aber es ist zu einfach und theoretisch gedacht. Ausserdem widerspricht dieser Vorschlag dem Grundsatz der Demokratie, denn jede Stimme soll gleich viel wert sein.» Der Experte ist der gleichen Meinung. Es sei zwar ein interessanter Ansatz, weil junge Leute noch länger von politischen Entscheidungen betroffen sind als ältere Personen. Die praktische Umsetzung des Ansatzes ist aber problematisch und mit vielen offenen Fragen verbunden. Wenn man bestimmen müsste, wessen Stimme nun wirklich mehr zähle, käme es sicher zu vielen Diskussionen und Unzufriedenheiten, sagt Ineichen. Zudem ergänzt er, dies eröffne Möglichkeiten für Diskriminierung aller Art. Beispielsweise könne man auf die Idee kommen, die Stimme von jungen Doppelbürgerinnen weniger zu gewichten, weil diese Personen ja allenfalls mal auswandern könnten. «Am Grundsatz ‘eine Person, eine Stimme’ sollte unbedingt festgehalten werden, damit es nicht zu solchen Diskussionen kommt», so Ineichen.
«Es gibt verschiedene Ansätze», meint Ineichen. «Man könnte beispielsweise die politische Bildung in der Schule ausbauen.» Ausserdem sei es wichtig, den Zugang zum politischen System zu vereinfachen und den Aufwand für das Abstimmen und das Wählen möglichst zu minimieren.
Jonas David Ineichen. / Foto: zvg
Beispielsweise könnten die Themen in den Unterlagen einfacher erklärt werden. Bis jetzt sei aber unklar, wie viel solche Massnahmen wirklich verändern würden. Die befragten Fussgänger halten es für sinnvoll, mehr zu digitalisieren, zum Beispiel durch Push-Nachrichten oder Erklärvideos auf Social Media. Eine weitere Idee von Trudy Hauser ist, die Bürger im Sport abzuholen. Beispielsweise könnte man Werbung für Abstimmungen bei Sportveranstaltungen zeigen.
Demokratie in Gefahr?
«Eine Demokratie funktioniert am besten, wenn eine Abstimmung die Interessen der Bevölkerung widerspiegelt. Wenn viele Leute einer bestimmten Gruppe, zum Beispiel ältere Menschen, mehr abstimmen gehen, passiert auch eher, was sie wollen», meint der Experte. Die Gesellschaft in der Schweiz wird wegen sinkender Geburtenrate und höherer Lebenserwartung immer älter. Aus diesem Grund und wegen der geringen Beteiligung der Jungen an den Wahlen könnte es zu einer Herausforderung werden, das Gleichgewicht zwischen den Generationen zu erhalten.